Mehr Wissen mitnehmen durch lernaktive Tagungen

Kongresse und Tagungen gelten als Foren der Zukunft. Hier werden neuste Trends, Erkenntnisse und Informationen ausgetauscht. Doch wie wird auf Kongressen und Tagungen Wissen vermittelt? Orientieren sich die Veranstalter und Referenten an neuen Erkenntnissen der Lehr-Lernforschung, um den Wissenstransfer zu optimieren oder wird auf alt bewährte Abläufe gesetzt?


Was sind innovative Kongresse in der Wissensgesellschaft?
Im Rahmen einer Analyse wurden 50 Tagungen und Kongresse auf ihren Ablauf untersucht, und geprüft, welche Formate und Redezeiten ausgewählt wurden, um Wissen zu vermitteln. Vor dem Hintergrund, dass „…Lernprozesse umso intensiver und nachhaltiger sind, je aktiver der Lernende ist, d.h. je mehr kognitive, emotionale, motorische, sensorische Organe beteiligt sind“ (Siebert 2006) wurden die Tagungsprogramme besonders auf „Teilnehmer aktivierende Formate“ hin untersucht.


Dass auf Tagungen Wissen vermittelt wird, darüber sind sich die Teilnehmer, Referenten und Veranstalter einig. Trotzdem werden Tagungen noch nicht in Gänze als Lernorte angesehen, und Lernprozesse und damit der Wissenstransfer werden noch nicht optimiert. Dies ist ein Ergebnis der Untersuchung, bei der 50 Tagungsprogramme (1-3 Tage) aus den Jahren 2002-2009 aus dem Bereich Umwelt untersucht wurden. Lediglich 20 % der Tagungen begrenzten die Vorträge auf 10-20 Minuten. Da bereits nach 15 Minuten die Konzentration auf 70% abfällt und nach 60 Minuten gegen 0% geht, ist eine solche Begrenzung sinnvoll und lernfördernd. (Vgl. Meier-Gantenbein, Späth 2006)
Bei den 50 untersuchten Tagungen wurden maximal 10 „Teilnehmer aktivierende Methoden“ verwendet. Die meisten (28%) verwendeten davon lediglich drei Methoden. Die Veranstaltung mit der höchsten Teilnehmer Aktivierung nutzte sieben Methoden.

Was sind „Teilnehmer aktivierende Methoden“ und warum sind sie wichtig für innovative Kongresse in der Wissensgesellschaft?

Erwachsene lernen nicht grundsätzlich anders als Kinder oder Jugendliche. Jedoch lernen Erwachsene zielgerichteter und anwendungsbezogen. Erwachsene lernen dann besonders gut, wenn das Lernen unmittelbar an bereits vorhandenes Wissen und Erfahrungen anknüpft (Meier-Gantenheim, Späth 2006). Kongresse und Tagungen sollten daher Möglichkeiten bieten, das individuelle Wissen und eigene Erfahrungen einbringen zu können. Bloßes Zuhören ist nicht optimal für das Lernen, wie auch der kleine Test zeigt (siehe oben). Veranstalter müssen die Teilnehmer stärker als bisher in einen aktiven Dialog mit der Mitwelt treten lassen. Für Lehr-Lernprozesse sind ebenso positive Emotionen wichtig. Die Bedeutung von Gefühlen für das Lernen wird oft unterschätzt.“ (Scheunpflug 2001) Angst oder sich unwohl fühlen sind schlechte Lehrmeister und unter einer guten Stimmung lernen Menschen besser. Für Lehr-Lernprozesse sind folgende Grundannahmen wichtig (Bastian u.a.2004):

·         Jeder Mensch sucht und benötigt ein Mindestmaß an Anerkennung durch andere…
·         Jeder Mensch sucht und benötigt ein Mindestmaß an Sicherheit …
·          Jeder Mensch sucht und benötigt Kontakt mit anderen …
·         Jeder Mensch will seine Meinung artikulieren und seinen Interessen nachgehen …

„Teilnehmer aktivierende Methoden“
Wenn die oben genannten Kriterien z.B. durch bestimmte Programmabläufe, wie Kennenlern-Zeiten oder Diskussionen erfüllt werden, dann fühlen sich Menschen wohl und der Wissenstransfer auf Tagungen wird optimiert.
Und was genau sind alles Methoden? Methoden sind Wege, die zu einem (Lern-) Ziel führen.(Siebert 2006) Da Lernen bei jedem Menschen anders ist, gibt es nicht die alleinige Methode, die zum Wissen führt. Wohl aber gibt es Methoden, die eine erhöhte Aufmerksamkeit der Teilnehmer erzeugen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit steigen lässt, dass Lernen stattfindet. Ebenso erhöht ein Methodenmix die Aufmerksamkeit der Teilnehmer.

Der Methodenbegriff umfasst dabei folgende Aspekte (in Anlehnung an Siebert 2006):
·         Aktionsformen (z.B. diskutieren, zuhören, üben, schreiben, lesen)
·         Sozialformen (Partnerarbeit, Einzelarbeit, Kleingruppen)
·         Medien (z.B. Power Point-Vortrag, Internet, Flipchart Vortrag)
·         Formen der Verständigung (z.B. über gemeinsame Lernziele, über die Zusammenarbeit)
·         Wirkungskontrolle
Zur Methodik gehören aber auch:
·         Auswahl und Gestaltung der Lernorte,
·         Festlegung geeigneter Zeiten,
·         Sitzordnung,
·         Vorbereitung und Nachbereitung von Materialien.

„Teilnehmer aktivierende Methoden“ sind Methoden die folgende Punkte berücksichtigen:
Vorbereitung
·         Ein angenehmes Lernumfeld / Tagungsraum werden geboten. Ausreichend Licht, frische Luft, genügend Platz und eine Sitzordnung, die auch Diskussionen mit dem Sitznachbarn zulassen.
Vor Beginn
·         Kennenlernen der anderen Teilnehmer und auch Referenten. Der Kontakt zu anderen Teilnehmern wird aktiv vom Moderator aufgebaut. Gespräche werden gefördert, in denen die Teilnehmer sich vorstellen können. Methoden, die zum Kennenlernen geeignet sind, werden am Ende des Artikels vorgestellt.
Beginn
·         Die Teilnehmer erhalten Informationen über den Ablauf und die Ziele der Tagung.
·         Die Erwartungshaltung der Teilnehmer wird angesprochen. Die Teilnehmer werden neugierig gemacht. Möglich ist auch eine Abfrage unter den Teilnehmern, die von den Referenten aufgegriffen wird.
Hauptteil
·         Die Vorträge haben eine Länge von maximal 10-20 Minuten.
·         Bei längeren Vorträgen wird nach 15 Minuten eine Pause gemacht, in denen z.B. der Vortragende eine Frage an die Teilnehmer stellt, und diese mit dem Sitznachbarn die Frage besprechen (Methode Buzz Groups).
·         Die Teilnehmer können sich mit anderen Teilnehmern zu dem Gehörten ihre Erfahrungen und Meinungen austauschen.
·         Die Teilnehmer können Fragen oder eigene Erfahrungen an den Referenten bzw. das Plenum formulieren.
·         Die Vorträge sprechen verschiedene Sinne der Teilnehmenden an.
·         Die Vorträge wechseln in der Art der Präsentation ab.
·         Wiederholungen und Zusammenfassungen festigen das zuvor Gehörte und erhöhen die Behaltens-Quote.
·         Die Überlegungen der Teilnehmer zum Transfer auf die eigene Situation werden durch Fragen angeregt, die jeder Teilnehmer auch beantworten können sollte.
Pausen
·         Pausen bzw. Phasen der Entspannung sind wichtig, um Informationen speichern zu können.
·         Bewegungen, besonders nach dem Mittagessen, fördern die Aufmerksamkeit für nachfolgende Informationsvermittlung. Eine 30 – 40 minütige „Gehung“ ,also ein Spaziergang zu zweit oder dritt, bringt den Kreislauf in Schwung und entspannt gleichzeitig. Fachlicher Austausch kann ungezwungen erfolgen oder animiert, durch Fragen, die der Veranstalter vorbereitet hat.
·         Tische, auf denen Themen benannt sind, erleichtern in den Pausen den Gesprächseinstieg mit noch nicht bekannten Teilnehmern.
Ende
·         Eine Abschlussdiskussion über das Gesamtthema kann besonders am Ende die Teilnehmer nochmal aktiv mit einbeziehen.
·         Die Zusammenfassung der Tagung fasst die wesentlichen Ergebnisse zusammen und stellt gleichzeitig eine Wiederholung dar, die lernfördernd ist.
·         Bei einer gemeinsamen Veranstaltung im Anschluss, wie Exkursion, Abendessen etc. können die Kontakte vertieft und die Erkenntnisse reflektiert werden.

Nachfolgend ist ein Musterablauf für eine innovative – lernaktive Tagung aufgeführt, der in seinen Bestandteilen variiert und durch Abendveranstaltungen, Exkursionen, Gehungen oder auch Meditationen ergänzt werden kann.



Abschlussbemerkung / Fazit


Auf Tagungen, auf denen „Teilnehmer aktivierende Methoden“ eingesetzt werden, ist anzunehmen, dass sich die Behaltensquote beim Wissenstransfer erheblich steigern lässt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wer schneller lernt, spart Zeit. Dies ist besonders in der Wissensgesellschaft wichtig und ein Vorsprung für die Unternehmen. Ein deutlich erhöhter Wissenstransfer führt zu weniger Kosten und zu kürzerer Abwesenheit der Teilnehmer vom Arbeitsplatz. Zudem ermöglichen „Teilnehmer aktivierende Methoden“ einen hohen Praxistransfer. Das steigert die Motivation der Teilnehmer, bei der nächsten Tagung wieder teilzunehmen, das eigene Netzwerk weiter auszubauen und neue Informationen für die berufliche Praxis aufzunehmen. Veranstalter können sich durch „lernaktive Tagungen“ ein Alleinstellungsmerkmal aufbauen und ihren Kunden Qualitätsversprechen geben. Nicht nur gutes Essen und erstklassige Referenten in einem 5-Sterne-Ambiente sind zukünftig ein Qualitätsmerkmal von Tagungen, sondern das Versprechen mindestens 5 neue Personen aus dem Fachkreis kennenzulernen und eine Diskussion zum eigenen Praxistransfer zu garantieren.

Literatur:
Siebert, H. (2006): Methoden der Bildungsarbeit – Leitfaden für aktivierendes Lehren . Bielefeld
Scheunpflug, A. (2001): Biologische Grundlagen des Lernens.
Ott, B. (2007): Grundlagen des beruflichen Lernens und Lehrens. Berlin.
Meier-Gantenbein, K.F., Späth, T.(2006) : Handbuch Bildung, Training und Beratung. Zehn Konzepte der professionellen Erwachsenenbildung. Weinheim, Basel.
Bastian, H., Meisel, K., Nuisel, E. u.a. (2004): Kursleitung an Volkshochschulen. Bielefeld.

Methoden zum Kennenlernen:
  1. Buzz Groups/ Murmelgruppen: Didaktische Methode, die zur Aktivierung eingesetzt wird. Zu zweit oder zu viert diskutieren die Teilnehmer einer Tagung halblaut zu einer Frage oder einem Problem das in einem Vortrag dargestellt wurde. Durch das Gespräch in der Gruppe kann jeder seine Meinung äußern und die der anderen reflektieren. Zudem wird die Bereitschaft erhöht im anschließenden Plenum Fragen zu stellen. 
  2. Erfolgsstorys/Interview Methode: Eine Methode, bei der man intensiv eine andere Personen auf einer fachlich inspirierend Weise durch ein Interview kennenlernt. Die Fragen werden vom Veranstalter vorgegeben und sie beziehen sich ausschließlich auf den beruflichen Erfolgen der befragten Person. Nach 20 Minuten werden die Rollen gewechselt und der Befragte stellt nun Fragen zum beruflichen Erfolg seines Gegenübers. Sitzt man an vierer Tischen, so kann nach dieser Runde sich mit den anderen Tischpartner austauschen und seinen Interviewpartner vorstellen. Vgl. Appreciative Inquiry
  3. Beziehungsdreieck. Auf verschiedenen Flipcharts oder Metaplanwänden ist ein Dreieck aufgezeichnet. Je drei Teilnehmer, die sich noch nicht kennen, werden einem Dreieck zugeordnet. An jede Spitze des Dreiecks kommen nun die Namen der Teilnehmer. Die Teilnehmer versuchen nun in der dreier-Gruppe Gemeinsamkeiten untereinander über Fragen herauszuarbeiten. Auf den Schenkeln des Dreiecks werden die Gemeinsamkeiten zwischen je zwei Personen aufgeschrieben und in die Mitte die Gemeinsamkeiten, die alle drei Personen miteinander haben. 
  4. 3x3x3 Fragen. Einfache Methode, um 6 Personen auf einer Tagung in kurzer Zeit kennenzulernen. Der Moderator bittet die Teilnehmer sich in dreier Gruppen zu stellen und sich gegenseitig vorzustellen und eine fachliche Frage zu erörtern, die er vorgibt. Nach 5-10 Minuten erfolgt ein Wechsel der Gruppen und wiederum eine kurze Vorstellung und eine Diskussion zu einer neuen Frage. Ein weiterer Wechsel erfolgt nach dem gleichen Schema

    FÖHR, Agentur für Wissenstransfer


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